Galerie Silber und Salz in Berlin

 

Kunst im Container

Am Spreeufer in Berlin steht ein schwarzer Container, der seinen Besuchern abwechslungsreichen Content präsentiert. Der Container ist eine Sie und heißt „Paula“. Mit Paula bietet der Galerist Chris Schmid einen kleinen und sehr lebendigen Raum für Kunst. [von Susanne Wagner]

Von Anfang an gefiel mir der Gedanke, dass der alte Übersee-Container im Ruhestand eine neue Aufgabe erhalten hat. Im Kern transportiert Paula immer noch Inhalte – zwar nicht mehr von A nach B, aber von Mensch zu Mensch. Sie hat die Welt gesehen und jetzt kommt die Welt zu ihr.

Vor kurzem bin ich durch Berlin geradelt und habe Paula auf dem Holzmarkt besucht. Ich wollte wissen, was in ihr steckt. Am Tag der Vernissage zur Fotoausstellung „nackt“ waren die kahlen Wände gerade frisch gestrichen – in hellem Grau. Im Raum standen ein altes Ledersofa, ein Stuhl, ein kleiner Ofen, ein Kästchen, Lampen, Handwerkszeug und viele verpackte Bilder. Trotz der vier Fenster schien mir alles sehr eng. Doch sobald die Fotografien von Thomas Rusch an den Wänden hingen und die Möbel verteilt waren, wirkte es überraschend geräumig. Auf dem gemütlichen Sofa unterhielt ich mich mit dem Galeristen Chris Schmid und seiner Frau Catha über die Geschichte der Galerie Silber & Salz, über Paula und über Content im Container.


Hauptberuflich bist Du ja Fotograf und jetzt auch Galerist. Eine Galerie in einem Container zu eröffnen, ist eine eher ungewöhnliche Entscheidung. Wie kam es dazu?

Chris: 2013 habe ich mich für einen Platz auf dem Holzmarkt beworben. Mir wurden in dem Künstlerdorf verschiedene Lokalitäten angeboten. Die hätte ich sporadisch mieten können. Aber ich wollte lieber in etwas Dauerhaftes investieren. In Berlin gibt es einen Frisör im Container. Diesen Gedanken habe ich aufgegriffen und gedacht, es wäre eine schöne Idee, das mit einer kleinen Galerie zu verbinden. Zusätzlich wird die Miete günstiger, denn ich zahle nur eine Stand- und keine Raummiete. Und ich habe die Möglichkeit, meinen kleinen feinen Ort überall hin mitzunehmen.


Auf der Website von Silber & Salz gibt es eine kurze Geschichte über Paula. Warum heißt der Container überhaupt Paula?

Chris: Zur Eröffnung 2015 stand unser Container etwas versteckt auf dem Nordteil des Holzmarkt-Geländes. Mit dem Umzug an den heutigen zentraleren Platz im Jahr 2017 haben wir einen Relaunch der Galerie gemacht.
Dabei entstand auch die Paula-Geschichte von Frank Haala. Nur „Container“ ist doch sehr unpersönlich und wir wollten dem Ganzen mehr Leben einhauchen. Schließlich ist es auch für Paula quasi ein neuer Lebensabschnitt. Wenn Besucher nach dem Namen Fragen, ist es ein schöner Anknüpfungspunkt für tolle Geschichten.

Catha: Frank Haala ist Texter und ein alter Bekannter von mir. Wir haben uns in der Galerie getroffen, uns unterhalten und ihm gefiel unser Konzept. Die Paula-Geschichte hat er für uns geschrieben, um dem gemütlichen Ambiente, das wir hier geschaffen haben, eine Persönlichkeit zu geben. Wir fanden Paula gleich sympathisch.


Und warum ist der Container außen schwarz?

Chris: Der Container war davor Baby-Blau und das fand ich nicht so schick. Schwarz ist neutral, schlicht und stiehlt den ausgestellten Bildern nicht die Show. Das Schwarz passt auch gut zur Schwarzweißfotografie, die ich bei freien Fotoarbeiten gerne einsetze und in der kleinen Dunkelkammer im Container entwickle. Außerdem wollte ich als Kind immer ein schwarzes Zimmer haben und das war meine Möglichkeit, diesen kleinen Kindheitstraum zu verwirklichen.


Wo liegen die Herausforderungen mit einem Galerie-Container?

Chris: Man muss natürlich erst einmal einen haben. Letzten Endes habe ich ihn im Internet geschossen. Eine Firma, die ausgemusterte Container günstig weiterverkauft, hat ihn aus Rotterdam zu uns geschickt.

Beim ersten Anblick des nackten Stahlkörpers habe ich gedacht: Oh je, was habe ich mir da angetan? Aber mit der Hilfe von zwei guten Jungs, einem Elektriker und einem Handwerker, die mir hier zur Seite standen, hat das alles recht schnell Form und Farbe angenommen. Das ist quasi wie Trockenbau: Das Gerüst stand und alles von Boden, Wandverkleidung, Fenster, Leitungen haben wir reingezogen.

Es gibt auch ein paar ganz alltägliche Herausforderungen: Der Baukörper ist nicht im eigentlichen Sinne isoliert. Deshalb spürt man die Außentemperatur relativ schnell auch im Innenraum. Aber mit den Fenstern bekommt man ganz gut Luft rein und im Winter wird es mit unserem kleinen Ofen schnell warm. Was noch fehlt, wäre ein eigener Wasseranschluss. Deshalb nutze ich die eingebaute Dunkelkammer nur eingeschränkt für Filmentwicklung und vielleicht kleinere Prints.

Und dann die Ausstellungen: Es ist jedes Mal wieder eine Herausforderung, auf den begrenzten Wandflächen abwechslungsreiche Kunsterlebnisse zu präsentieren. Natürlich ergibt sich das zum Teil schon durch die Unterschiede in den Kunstwerken. Obwohl die Galerie ein kleiner Raum ist, kann man mit wenigen Akzenten auch viel verändern. Wir streichen zum Beispiel die Wände immer wieder in einer anderen Farbe. Ich mache mir viele Gedanken, jede Ausstellung individuell und möglichst passend für das Thema zu gestalten.

Catha: Wenn man sich die alten Bilder mit dem kalten Stahl anguckt und jetzt das warme Ambiente hier – das ist wirklich eine 180-Grad-Drehung. Das wollte Chris auch erreichen –  schönes Wohnzimmerfeeling. Wir wollen den Menschen hier einen Ort anbieten, an dem sie sich entspannt unterhalten und ihre Geschichten austauschen können. Wenn draußen die Leute gemütlich zusammensitzen, erkennt man vielleicht nicht auf den ersten Blick, dass das hier eine Galerie ist. Aber seit einiger Zeit haben wir einen blinkenden Pfeil mit dem Text „Galerie“ über dem Eingang. Das macht viel aus.


Welches Konzept verfolgst Du mit Deiner Galerie Silber & Salz?

Chris: Der Name Silber & Salz kommt aus der analogen Fotografie. Das beruht auf den lichtempfindlichen Silbersalzen im Fotopapier, insbesondere Schwarzweiß.

Das zeigt schon, dass der Schwerpunkt von Silber & Salz bei Fotografie liegt. Aber wir geben gelegentlich auch anderen Kunstformen Raum. Wir hatten zum Beispiel Performances hier unter dem Motto „Kunst geht unter die Haut“. Das war ein Gentlemens-Club, wo live tätowiert wurde. Es geht um die Kraft guter Geschichten aus verschiedenen Perspektiven – ob in Bild, Ton oder Text.

Fotografie ist für mich eine Kunstform, die immer noch kämpfen muss. In der Malerei sind sich die Leute über eine gewisse Wertigkeit und ein Preisniveau einig. Ich möchte mit meiner Galerie gegen die Beliebigkeit und den Überfluss in der digitalen Fotowelt wirken. Früher hatten nur wenige eine wirklich gute Fotoausrüstung. Heute kann sich jeder eine einigermaßen anständige Kamera leisten. Mit den ganzen Filtermöglichkeiten, den automatisierten Programmen – man muss ja nicht einmal mehr Photoshop beherrschen, sondern es reicht, wenn man jetzt ein paar Filterchen drückt und das Ding sieht schick aus. Das trägt alles dazu bei, dass Qualitätsbewusstsein verloren geht.

Ich merke auch, selbst wenn du schöne Bilder postest – die Leute wissen oft nicht mehr, was du letzte Woche gepostet hast. Es waren ja schon 10.000 Bilder zwischendrin zu sehen. Ich habe manchmal das Gefühl, es wird schnell aus Sympathie auf „mag ich“ gedrückt und man befasst sich gar nicht mehr mit den Inhalten. Ein Trend der Beliebigkeit.

Mir liegt es am Herzen, Menschen für Kunst und Fotografie zu interessieren – ebenso für die Geschichten hinter den Bildern und den Künstlern. Ich möchte auch bei Laien das Verständnis für die handwerkliche Qualität und den Preis eines Kunstwerkes wecken. Die Besucher sollen Zeit haben, sich damit auseinanderzusetzen, sollen nicht gehetzt werden, sie sollen miteinander ins Gespräch kommen. Ich versuche, mich mit den Ausstellungen in einem Preissegment zu bewegen, das Kunst für jedermann zugänglich macht. So liegen zum Beispiel die Fotografien von Thomas Rusch bei 300 bis 900 Euro.


 Susanne im Gespräch mit Chris Schmid in der Galerie Silber & Salz, Berlin.

Susanne im Gespräch mit Chris Schmid in der Galerie Silber & Salz, Berlin.

 Fachsimpeln mit Chris Schmid über die Arbeiten von Thomas Rusch.

Fachsimpeln mit Chris Schmid über die Arbeiten von Thomas Rusch.

Nach welchen Kriterien wählst Du die Künstler aus, die hier ausgestellt werden?

Chris: Anfangs haben wir viel in Fachmedien und im Internet recherchiert. Mittlerweile liegt fast einmal in der Woche eine Bewerbung im Briefkasten. Künstler nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Schweiz, Österreich, Hong Kong. Darunter finde ich immer wieder spannende und auch ungewöhnliche Geschichten.

Oft lasse ich den Künstlern freie Hand bei der technischen Präsentation, möchte allerdings schon ein Mitspracherecht haben. Gewisse Rahmenbedingungen muss ich stellen, weil sonst das Chaos regiert und die Qualität nicht vertretbar ist. Es kamen auch schon Künstler zu mir, die ihre Werke auf Büropapier ausgedruckt haben – und das geht halt nicht in einer Verkaufsausstellung. Ich begleite die Künstler auch gerne bei der technischen Umsetzung. Denn letzten Endes müssen die Fotos hochwertig und verkaufsfertig präsentiert werden: entweder kaschiert oder gerahmt, vielleicht auch mit Passepartout versehen.

Wir nehmen die Künstler, die hier ausstellen nicht unter Exklusivvertrag. Ich möchte nicht, dass sie nur bei mir präsentiert oder verkauft werden dürfen. So einen monopolistischen Markt möchte ich nicht unterstützen. Aber die ein oder anderen lassen gerne Bilder hier. Entweder schenken sie es einem und sagen: hier danke für die schöne Zusammenarbeit. Oder sie werden in unser Konvolut aufgenommen und auch online präsentiert und natürlich kann man die Bilder dann hier kaufen.

Beispielsweise Thomas Rusch kam mit seinem Projekt „nackt“ einfach auf uns zu. Er ist quasi ein Holzmarkt-Kontakt. Was ich sehr schön finde, weil solche Kontakte zeigen, dass dieser Dorfgedanke hier gut funktioniert.


Wie geht es weiter? Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?

Chris: Mein Wunsch wäre es – neben der Galerie – Workshops zur analogen Fotografie anzubieten. Also vom Fotografieren, über das Entwickeln, bis hin zum fertigen Print und eben dann auch bis zur passenden Rahmung. Die Präsentation kommt gerne mal zu kurz und ich finde, da kann man den Leuten ganz gut Hilfestellung geben.

In diesem Jahr ist es unsere sechste Ausstellung. Nach Thomas Rusch gibt es im Dezember eine weitere Ausstellung. Im Schnitt mit sechs Ausstellungen pro Jahr, sind wir ganz gut bedient. Es kommen ja immer Arbeiten um die Präsentation herum dazu: Streichen, Werbemittel gestalten, Plakatieren, die Werbetrommel rühren und die Presse aktivieren, was bei der Tagespresse oft schwierig ist.

Catha: Es ist wichtig für uns, eine gute Mischung von Künstlern in unseren Ausstellungen zu haben. Auch einige, die vielleicht etwas mehr Aufsehen in der Presse und in den Fachkreisen erregen. Aber wir möchten auch zum Beispiel Underdogs die Möglichkeit geben, ihre Arbeiten einer Öffentlichkeit zu zeigen. Natürlich möchten wir ein bisschen bekannter werden und hoffen auch auf mehr Sammler, die uns besuchen. Wer weiß, ob wir Paula nicht auch einmal in einer anderen Stadt aufstellen – grundsätzlich sind wir ja mobil.


Mein Ausstellungstipp: „nackt“ von Thomas Rusch

Die Bilder von Thomas Rusch haben mich sofort begeistert: „nackt“ zeigt Menschen wie Du und ich – weit weg von der ermüdenden Perfektion der Mode- und Werbewelt. Reizvoll ist der Widerspruch in den Bildern an sich. Denn diese völlig ungeschönten Körper inszeniert der Fotograf in handwerklich perfekten, wohl komponierten Fotografien, die in Licht und Farbgebung an Gemälde alter Meister erinnern. Für die 24 Aktfotografien hat Thomas Rusch monatelang Bilderrahmen gesammelt, um ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Und mit der Galerie Silber & Salz hat er den passenden Rahmen für seine Ausstellung gefunden.

Wenn Sie in Berlin sind, schauen Sie unbedingt bei Silber & Salz rein!

Die Fotoausstellung „nackt“ von Thomas Rusch läuft vom 31. August bis 29. November 2018. Hin und wieder ist auch der Künstler selbst in der Galerie anzutreffen. Bitte einfach anrufen.


Chris Schmid:
1982 geboren in Pforzheim
Aufgewachsen in Düsseldorf, München, Frankfurt
Fotografieausbildung mit einer klassischen Gesellenprüfung
Freier Fotoassistent
Dann zwei Jahre bei Lazarus fine prints in Hamburg
Danach freier Fotograf in Berlin
2015 Eröffnung der Galerie Silber & Salz 

SILBER & SALZ
Holzmarktstraße 25
10243 Berlin
+49(0)171-6998792
www.silberundsalz.com

Es gibt keine geregelten Öffnungszeiten, deshalb bitte einfach anrufen und eine Zeit vereinbaren.