Verlag Hermann Schmidt – kreatives Marketing

 

Inspirierende Kaufanregung aus der Welthauptstadt des Buchdrucks Mainz

Der Verlag Hermann Schmidt spricht von „Inhalte inszenieren“. Das setzt er mit viel Liebe und Handwerkskunst in die Tat um – natürlich bei seinen wunderbaren Fachbüchern, aber auch beim Gesamtverzeichnis 2017/2018. [von Susanne Wagner]

Ich teile die Begeisterung für großartiges Handwerk und ungewöhnliche Herangehensweisen, die sich der Verlag Hermann Schmidt auf die Fahne geschrieben hat. Den Anfang machte 1986 ein Reprint der „Elementaren Typographie“ von Tschichold. Heute umfasst das Verlagsprogramm für kreative Köpfe rund 110 Titel. Allesamt werden im engen Zusammenspiel von Verlag und Autoren individuell konzipiert und anspruchsvoll gestaltet. Konsequenterweise versteht sich auch das Gesamtverzeichnis 2017/2018 nicht nur als bloßes Verkaufsinstrument.


Liebe zur Typographie

Ich bin bekennende Typographie-Liebhaberin – egal, ob mit „ph“ oder einfach mit „f“. In den ersten Semestern meines Kommunikationsdesign-Studiums arbeitete ich noch analog – also ganz ohne Computer. Ich lernte dabei, wie zeitaufwendig es ist, Schriften mit der Feder zu schreiben, mit Bleisatz zu hantieren, ein Buch zu binden, sich in die Regeln der Feintypografie zu vertiefen. Wenn ich heute – natürlich längst digital – ein Printprodukt gestalte, widme ich mich liebevoll der Typographie.

Umso mehr ärgert mich der oft gedankenlose Umgang mit Schrift. Wenn typographische Regeln nicht bewusst gebrochen, sondern unüberlegt ignoriert werden. Häufig ist es der Mengensatz, der ohne professionellen Gestalter auskommen muss. So entstehen klaffende Canyonlandschaften im Blocksatz, sinnentleerte Versalien oder Satzzeichen an den falschen Stellen. Ein Klassiker – leider auch bei Textprofis – ist der Apostroph. Er wird fälschlicherweise oft durch einen Akzent ersetzt, der dann in der Luft hängend, ein Leben ohne zugehörigen Buchstaben fristen muss. Wo ist hier das Berufsethos? Wo sind die „schönen“ Printmedien?

Ein Lichtblick

Und dann liegt wieder das neue Mailing vom Verlag Hermann Schmidt im Briefkasten. Jedes Mal ein kleines, durchdachtes Kreativwerk. Dieses Mal ist es das Gesamtverzeichnis 2017/2018 zum 25-jährigen Verlagsjubiläum. Konzept, Text, Gestaltung, Haptik und Verarbeitung harmonieren wunderbar mit dem Anspruch der vorgestellten Produkte. Dem Verlag ist mit dieser Publikation viel mehr als eine schnöde Vorstellung des Buchprogramms geglückt. Ich halte ein eigenständiges und lesenswertes Stück Literatur in den Händen.

„Wir sehen jedes Buch als Individuum – und das setzt nicht erst bei Form, Gestaltung, Papierwahl und Einbandmaterial ein, sondern bereits in der Lektorats-Phase.“ Die Verleger Karin und Bertram Schmidt-Friderichs

Haltung, Hintergründe und Produkte

In dem handlichen Taschenbuchformat gliedern 25 Fragen an die Verleger das Buchprogramm. Karin und Bertram Schmidt-Friderichs geben Einblicke in die Verlagsgeschichte und erzählen, was ihnen bei der Buchproduktion wichtig ist. Den logischen Anfang bei den Produktvorstellungen macht die Neuerscheinung „Buchstaben im Kopf. Was Kreative über das Lesen wissen sollten, um Leselust zu gestalten“. Und den Abschluss bildet der Titel „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte …“. Jede Publikation wird mit einem informativen und gleichzeitig sehr unterhaltsamen Text vorgestellt. Allein das bereitet mir schon Lesevergnügen. Die Produktpalette im Verlag Hermann Schmidt umfasst neben Fachbüchern und Ratgebern für Kreative, auch besondere Kalender, Notizbücher oder Tagebücher. Typografie ist dem Verlag ein großes Anliegen und spielt quer durchs Programm thematisch und handwerklich eine zentrale Rolle.

Qualität statt Wachstum

Um dicht am Markt, an den Autoren und den Themen zu bleiben, will der Verlag nicht weiter wachsen. „Was uns motiviert, ist die Nähe zum Produkt und zum Kunden. Beides verlieren Chefs im Wachstumsprozess.“ Stattdessen suchen die Mainzer nach neuen Wegen in der Inszenierung und Verarbeitung. Eine essenzielle Frage, die sich die Verleger vor der Entwicklung jedes neuen Titels stellen, ist: „Macht's glücklich? Glücklich im Sinne von persönlicher Weiterentwicklung, Glücklich vor allem auch im Sinne von der Freude, die das Projekt seinen Lesern bringt.“ Diese Einstellung spüre ich sofort beim Blättern durchs Gesamtverzeichnis.

Bertram Schmidt-Friderichs ist der Fachmann für das Druck- und Buchbinderhandwerk. Schließlich hat er 28 Jahre lang seine eigene Druckerei geführt. Sein Vater und Namenspatron des Verlags, Hermann Schmidt, hatte sie ihm übergeben. 1992 wurde Karin Schmidt-Friderichs mit dem Bau des Messestands zur Frankfurter Buchmesse vom Verlag betraut. Danach wurde sie Teil des Teams und übernahm Vertrieb und Marketing.

„Dafür genießen wir die Freiheit, keine Projekte annehmen zu müssen, nur um den ‚Laden‘ am Laufen zu halten.“ Die Verleger Karin und Bertram Schmidt-Friderichs

 Für Bücher aus dem Verlag Hermann Schmidt ist immer Platz in unserem Bücherregal.

Für Bücher aus dem Verlag Hermann Schmidt ist immer Platz in unserem Bücherregal.

Und es funktioniert

Wie heute praktisch selbstverständlich betreibt der Verlag Hermann Schmidt einen Webshop. Aber ich gehe lieber – analog und traditionell – in die Buchhandlung. Entdecken, berühren und reinlesen: So baut sich bei mir eine Art Beziehung zu meinem neuen Buch auf. Für mich sind gedruckte Medien nach wie vor sehr wichtig. Beim Lesen schöner Bücher verbinden sich Information und Emotion. Durch das inhaltliche, visuelle und haptische Erlebnis, nehme ich das Wissen einfach intensiver auf, als bei der Recherche in Online-Kanälen.
Das Gesamtverzeichnis hat mich inspiriert, wieder einmal auf Entdeckungsreise bei meinem Buchhändler zu gehen. Ich habe mir schon ein paar Favoriten ausgeguckt.


Creative Report Herbst 2018

Dieses Mal präsentiert der Verlag Hermann Schmidt seine Neuerscheinungen für die Kreativszene in einem kleinen schwarzen Büchlein. In „Der einarmige Judo-Champion“ erzählt Dominik Imseng von der Stärke einfacher Ideen, die durch konsequente Umsetzung die Welt verändert haben – im Großen wie im Kleinen. Ein anregendes und kurzweiliges Lesevergnügen.

 „Creative Report Herbst 2018“ und „Der einarmige Judo-Champion“

„Creative Report Herbst 2018“ und „Der einarmige Judo-Champion“

Der einarmige Judo-Champion
Wie Sie aus einem Nachteil einen Vorteil machen und 49 weitere kreative Superkräfte
Von Dominik Imseng
ISBN 978-3-87439-923-4


Infos zum Verlag:

Verlag Hermann Schmidt GmbH & Co. KG
Gonsenheimer Straße 56
55126 Mainz
www.typografie.de
Webshop: typografie.de/shop