20 Minuten – die Pendlerzeitung

 

Ein Schweizer Zeitungsphänomen

Die täglich erscheinende Zeitung „20 Minuten“ richtet sich an Pendler und kann an eidgenössischen Bahnhöfen und Haltestellen kostenlos mitgenommen werden. Das Konzept erweist sich als nachhaltig erfolgreich. Denn bereits seit 2004 gilt das Blatt als meistgelesene Schweizer Tageszeitung. [von Florian Wagner]

Wieder etwas gelernt: Bei der Recherche für einen Schweizer Kunden meines Auftraggebers Journal International stieß ich auf die Tageszeitung „20 Minuten“. Obwohl ich schon diverse Male das Vergnügen hatte, mit den zuverlässigen öffentlichen Verkehrsmitteln unserer Nachbarn unterwegs zu sein, ist mir diese Publikation bisher entgangen. Der Titel spricht eine konsumfreudige Kernzielgruppe an, verfügt über ein umfangreiches crossmediales Kanalangebot und finanziert sich ausschließlich über seine vielfältigen Werbeformate. Anspruchsvoller Qualitätsjournalismus gehört bei diesem Produkt nicht zur Strategie der Mediengruppe Tamedia. Aber die Herausgeber der Gratis-Zeitung verfolgen ihr Konzept mit bemerkenswerter Konsequenz.

20 Minuten in Zahlen

Durchschnittlich zwanzig Minuten verbringt der Schweizer Fahrgast auf seinem Weg zur Arbeit in Bus, Tram oder Zug. Dieser Fakt stand Pate für den Namen der Medienmarke, in deren analoger Ausgabe täglich annähernd zwei Millionen Schweizer Pendler blättern. „20 Minuten“ erscheint mit einer täglichen Gesamtauflage von annähernd 660.000 Exemplaren (Stand 7/2018), Schweiz-üblich verteilt auf deutsche, französische und italienische Sprachversionen. Mal abgesehen von der „Bild“ können Tageszeitungen hierzulande von solchen Auflagen nur noch träumen.

Aber diese imponierenden Zahlen sind erst die halbe Wahrheit: Denn ein erheblicher Leseranteil des klassischen Printmediums ist laut Mediadaten 14 bis 29 Jahre jung. Wie das denn? Offensichtlich empfindet diese Zielgruppe das handliche Tabloidformat mit eher seichtem Inhalt als das richtige Medium, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In der Deutsch- und der Westschweiz erreicht 20 Minuten rund fünfzig Prozent dieser jungen Zielleserschaft.

Die Medienlandschaft von 20 Minuten

Neben der Zeitung aus der allgegenwärtigen „20 Minuten“-Box am Bahnsteig gibt es auch ein umfassendes digitales Angebot. Wer nicht blättern will, kann durch die Inhalte scrollen oder wischen. Unter der Dachmarke „20 Minuten“ stehen dafür zur Verfügung: Die Website zur Zeitung mit monatlich rund drei Millionen Besuchern, eine Zeitungs-App für unterschiedliche Endgeräte, der Jugendkanal Tilllate mit monatlich etwa einer Millionen Besuchern und der Blog Friday. Zu letzterem gehört das gleichnamige Printmagazin mit Geschichten aus der Welt internationaler Stars. On top gibt es sogar noch eine App mit dem „20 Minuten“-Radiokanal.

Marketing spielt im Medienkonzept eine wichtige Rolle. So wird das gesamte Angebot systematisch beworben und die Marke tritt als Sponsor in Erscheinung. Außerdem werden die Leser beispielsweise mit Verlosungen und Eigenevents aktiviert.

Die Werbemöglichkeiten

„20 Minuten“ liefert mit seiner Reichweite, der Kanallandschaft sowie vielfältigen Formaten und Platzierungen gute Argumente für seine Werbekunden. Die Palette reicht von klassischen Displays über Video Advertising, Performance Advertising, Data Driven Advertising mit zahlreichen Targeting-Optionen bis zu Content Marketing in Form von Native Advertising und Branded Content. Wie stringent die Herausgeber ihr Geschäftsmodell gestalten, zeigt sich auch an folgender Maßnahme: Benutzer mit eingeschaltetem Ad-Blocker können auf die Inhalte von 20 Minuten nicht zugreifen. Wer Werbeinhalte umgehen will, kann den Zugang für eine Woche käuflich erwerben oder ein Werbevideo anschauen und dadurch Artikel für eine Stunde freischalten. Der journalistische Ansatz von „20 Minuten“ und der Umgang mit Werbung unterscheidet sich fundamental von Medien wie Reportagen – ebenfalls aus der Schweiz – mit dem wir uns im Beitrag „Reportagen – ein Magazin mit Haltung“ beschäftigen.

Fazit

Diese Form des Journalismus muss man nicht mögen und es gibt sicher berechtigte Bedenken, wenn Medien wie „20 Minuten“ mit vorwiegend boulevardesken Inhalten als zentrale Informationsquelle genutzt werden. Fakt ist aber auch: Offensichtlich befriedigen die Kostenlos-Kanäle der Pendlerzeitung einen vorhandenen Bedarf und daraus hat die Tamedia AG ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt.


20 Minuten

Die Pendlerzeitung „20 Minuten“ liegt seit 1999 kostenlos aus.

Herausgeberin: Tamedia AG
Verleger: Pietro Supino
Leiter Advertising & Pendlermedien: Marcel Kohler
Chefredaktion: Marco Boselli (mbi), Leiter Publizistik & Prozesse Pendlermedien
www.tamedia.ch/de