Habitat von Tom Hegen

 

Vom Menschen geprägte Landschaften aus der Vogelperspektive

Das Buchprojekt des Nachwuchsfotografen und studierten Kommunikationsdesigners Tom Hegen wirft einen aufschlussreichen Blick von oben auf die von uns Menschen geprägte Umwelt. [von Susanne und Florian Wagner]

Lediglich 0,6 Prozent der Fläche Deutschlands können noch als Wildnis, als ursprüngliche Natur bezeichnet werden. Hegen findet mit seinen Luftaufnahmen die perfekte Inszenierung, um sein Thema zu vermitteln. Neben großartig komponierten Motiven wartet der Bildband Habitat mit einer Vielzahl überraschender Fakten auf. Durch die Verbindung dieser Informationen mit den Fotografien entstehen raffinierte Infografiken. Eine so überzeugende wie naheliegende Idee – haben doch die Aufnahmen bereits eine starke grafische Wirkung. Wir sprachen mit dem Fotografen, Autor und Gestalter in Personalunion über sein Dokumentarprojekt Habitat.


Wie entstand die Idee zu Habitat?

Tom Hegen: Wie wir Menschen unseren Lebensraum beeinflussen, interessiert mich schon sehr lange. Die ersten konkreten Gedanken machte ich mir, nachdem ich vor ein paar Jahren eine Ausstellung über die These des Anthropozäns im Deutschen Museum besucht hatte. Später startete ich das Projekt im Rahmen des Studiums. Seit etwa drei Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema, das ich auch als Masterarbeit weitergeführt habe.

In welchem Zeitraum entstanden die Fotografien für das Buchprojekt?

TH: Neun bis zehn Monate lang habe ich fast meine ganze Zeit und Energie in dieses Projekt gesteckt – nicht zuletzt in sehr viele Recherchestunden. Mir war wichtig, dass alle Jahreszeiten im Fotobuch vorkommen, um meine Geschichte zu erzählen. Viele Motive funktionieren nur saisonabhängig. Zum Beispiel Bäche, die durch einen Wald fließen, sieht man im Sommer durch das Laub nicht. Und die Mischung der Baumarten wird erst richtig klar, wenn sich im Herbst das Laub verfärbt und die immergrünen Nadelbäume unverändert stehen bleiben.

Warum nutzen Sie die Luftbildfotografie für Ihr Projekt?

TH: Mit 18 Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis bei meinem ersten Flug. Während der Reise nach Neuseeland, wo ich ein Jahr lang meinen Zivildienst geleistet habe, saß ich bei drei Starts jedes Mal am Fenster. Ich glaube, ich habe während dieser rund 24 Stunden 80 Prozent der Zeit hinausgeschaut. Ich war fasziniert von der Landschaft, die unter mir vorbeigezogen ist: Meer, Wildnis, Zivilisation, Strukturen, die Veränderung des Tageslichts. Das war 2010 und mein Neuseeland-Aufenthalt hat mich sensibilisiert für die Natur in Beziehung mit dem Menschen. Damals habe ich mit der Fotografie begonnen und viele Landschaften vom Boden aus fotografiert.
Während der Arbeit am Projekt Habitat, erinnerte ich mich an die Flüge und entschied mich bewusst für Luftbilder. Hier gewinnt man Übersicht und die veränderten Strukturen kommen am besten zur Geltung. Klischeebilder bringen niemanden zum Nachdenken, ein Perspektivwechsel schon. Beim Fotografieren habe ich festgestellt, dass es bei uns kaum noch Flächen gibt, die naturbelassen sind.

Mit welcher Technik gehen Sie in die Luft?

TH: Grundsätzlich ist mir die Technik nicht so wichtig, wie die Idee und das Endergebnis der Bilder. Für Habitat habe ich verschiedene Techniken gemischt: Helikopterflüge, Fahrten mit Heißluftballonen ­– bei denen bin ich mit Vollformatkameras unterwegs. Ich arbeite aber auch mit Drohnen. Im Vorfeld zu diesem Projekt habe ich mir einen Multikopter zusammengebaut und darunter eine Kamera montiert. Das hängt auch immer davon ab, wie gut erreichbar Orte sind oder welche Flugvorschriften es für bestimmte Gebiete gibt.

Wie bearbeiten Sie Ihre Bilder?

TH: Bearbeitung fängt für mich bei der Fotografie an. Ich achte darauf, das richtige Licht abzupassen. Die meisten Bilder habe ich bei zeitigem Morgenlicht oder am frühen Abend aufgenommen. Da ich digital fotografiere, entwickle ich das Motiv natürlich am Computer.  Mein Prinzip ist: dem Bild nichts hinzufügen, was nicht da war und auch dem Bild nichts wegnehmen, was da ist. Der Kern meines Projekts ist schließlich authentische Dokumentarfotografie.

Möchten Sie mit Ihrem Projekt etwas bewirken?

TH: Mein Ansatz in der Fotografie ist sowohl dokumentarisch als auch künstlerisch. Viele Bilder sind in sich sehr gegensätzlich. Auf den ersten Blick sieht man ästhetische Fotos mit Farben und grafische Strukturen. Aber auf den zweiten Blick erkennt man oft erst, was wirklich dargestellt ist und wie intensiv der Mensch in die Natur eingreift. Durch den Perspektivwechsel, die ungewohnte Sichtweise, nimmt man die Welt anders wahr. Ich wünsche mir, dass meine Bilder Emotionen hervorrufen und die Betrachter dazu bewegen, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Es geht darum, den Blick für die Realität zu schärfen und den eigenen Bezug zur Umwelt zu überdenken.

Sie haben für die Finanzierung Ihres Buches gerade eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Was sagen Sie dazu, dass bereits am ersten Tag über vierzig Unterstützer rund 3000 Euro für das Projekt in den Topf geworfen haben?

TH: Wow, für meine allerersten Unterstützer: Ein herzliches Dankeschön an Euch alle! Ich bin tief beeindruckt von dem Engagement und dem großartigen Feedback, das ich in dieser kurzen Zeit bekommen habe.
Ich bin auch sehr dankbar für die beiden Vorworte, die meinen Bildband begleiten: Dr. Georg Gerster, Schweizer Journalist und Pionier der Luftbildfotografie und Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, deutscher Paläontologe und Geobiologe.

Wir sind gespannt und wünschen viel Erfolg!


August 2018: Jetzt wird das Projekt Habitat zum Fotobuch

Die Crowdfunding-Kampagne für „Habitat – human altered landscapes. Aerial Photo Book.“ lief bis 8. August 2018 auf Kickstarter und war überaus erfolgreich. Dieses Thema scheint einer breiteren Öffentlichkeit wichtig zu sein. Schon nach wenigen Tagen wurde das ursprüngliche Fundingziel von 10.000 Euro erreicht. Am Ende beteiligten sich 587 Unterstützer mit über 40.000 Euro an dem Buchprojekt Habitat.

Das eröffnet für die Produktion ganz neue Möglichkeiten. Wir haben bei Tom Hegen nachgefragt und er möchte mit einem Teil der Summe das Fotobuch weiter veredeln. Zum Beispiel mit hochwertigem Papier, qualitätsvoller Buchbindung und einem Leineneinschlag für das Hardcover.

Auch für den Verlagspartner Kerber, Bielefeld kam dieser Erfolg offensichtlich überraschend. Noch orientieren sich die Angaben zum Buch auf der Verlags-Website am ursprünglichen Fundingziel. Auch hier wird sich der Erfolg in den Produktdetails in nächster Zeit niederschlagen. Das kann das Format, die Seitenzahl, die Verarbeitung und natürlich den Preis betreffen.

Sicher ist: Das Fotobuch erscheint zweisprachig in Deutsch und Englisch und wird voraussichtlich schon im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.



 Tom Hegen (Jahrgang 1991), passionierter Luftbildfotograf.

Tom Hegen (Jahrgang 1991), passionierter Luftbildfotograf.

Tom Hegen …

… arbeitet als Grafikdesigner und Fotograf in München.

Er studierte in Deutschland und Großbritannien Kommunikationsdesign und schloss 2017 mit einem Master an der Hochschule Konstanz ab.

Fotografie erlernte er autodidaktisch sowie in einem Teilfach seines Studiums.

Für seine kreativen Arbeiten erhielt er bereits verschiedene Awards wie 2017 den DJI Drone Photography Award und 2018 wurde er vom ADC (Art Directors Club) ausgezeichnet 

www.tomhegen.de